Frauensprache - was ist das?
Über Frauensprache und warum sie so wichig für uns ist.
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Foto © mit freundlicher Genehmigung von Ruth Devime |
"Zwischen Denken und Sprachverhalten bestehen enge Wechselwirkungen. Unsere Vorstellungen fließen in unsere sprachlichen Äußerungen ein, und die verwendeten Sprachformen beeinflussen wiederum unser Denken. Daher kann die Sprache den gesellschaftlichen Wandel unterstützen, indem sie mit neuen Formulierungen hilft, das Bewusstsein für das angestrebte Ziel zu stärken. Ein geschlechtergerechter Sprachgebrauch ist ein erster und wichtiger Schritt zur Umsetzung der Gleichstellung von Frauen und Männer", so der Leitfaden zur geschlechtergerechten Sprache der Johannes Kepler Universität Linz.
In unserer Gesellschaft ist die Sprache üblicherweise patriarchal und somit sexistisch und frauenfeindlich. Frauen können sprachlich "mitgemeint" sein, überhaupt ignoriert werden bzw. unerwähnt bleiben oder nur in Abhängigkeit von Männern beschrieben werden. Männer und ihre Leistungen werden deutlich benannt und hervorgehoben, während Frauen und ihre Leistungen abgewertet werden: "Tippse" für die Sekretärin, "Kaffeekränzchen" für eine Frauenrunde, "blond" als Synonym für blöd. Oder mit Sprüchen wie: "Ach, Frauen und Technik!"
Frauensprache hingegen macht die Existenz von Frauen und ihren Interessen & Leistungen deutlich. Sie zeigt Frauen als unabhängige Menschen, die eigenständig und aktiv denken und handeln. Frauensprache wird nicht zuletzt beiden Geschlechtern gerecht!
Wozu Frauensprache - oder wer ist der Chirurg?"Mitgemeint" verwischt das Bild der dargestellten Gesellschaft: Patriarchale Sprache trübt durch die rein männlichen Bezeichnungen den Blick auf die sozialen und politischen Gegebenheiten. Das zeigt sehr schön folgendes Rätsel, das ich vor einigen Jahren in einer Gruppe (als einzige Frau unter Männern) gestellt bekam:
Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Bub wird mit schweren Kopfverletzungen in ein bestimmtes Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.
Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: "Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!".
Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?
Die ersten Spekulationen meiner männlichen Miträtsler waren: Der Chirurg ist der Stiefvater oder der Adoptivvater. Der Vater konnte es ja nicht sein, denn der starb ja bei dem Unfall. Als die Testleiterin die genannten Antworten als falsch ablehnte, strengten sie ihre Köpfchen weiter an (immerhin war das ein Test über logisches Denken). Nach einiger Zeit kamen sie dann drauf, dass der Chirurg eigentlich nur die Mutter des Kindes sein kann. Bingo!
Wir sehen, dass bei patriarchalem Sprachgebrauch (wie in diesem Rätsel) nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, das es sich auch um eine Chirurgin handeln könnte. Die Frau ist also nicht mitgemeint! Erst bei längerem Nachdenken kamen die (männlichen) Testprobanden darauf, dass es tatsächlich möglich ist, dass eine Frau den chirurgischen Beruf ausübt.
Das Beispiel mit der Chirurgin zeigt deutlich, dass wir eine Menge Denkarbeit leisten müssen, wenn die Sprache "Frauen mitmeinend" verwendet wird. Denn wir wissen nie, ob Frauen bei einer rein männlichen Bezeichnung (dem sogenannten generischen Maskulinum) wie Arzt, Österreicher, Referent ... inkludiert sind, oder nicht.
Unlängst gab es eine Nachrichtenmeldung, zwei Spaziergänger hätten einen Mann aus der Donau gerettet. Wer weiß, ob es sich bei den RetterInnen um zwei Männer oder zwei Frauen oder einen Mann und eine Frau gehandelt hat?
Deshalb ist Sprache, die Frauen wie Männer benennt, auch ein Entgegenkommen gegenüber den ZuhörerInnen. Denn sie erfahren ohne weitere Anstrengungen, ob es sich um Frau oder Mann handelt.
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Foto © mit freundlicher Genehmigung von Ruth Devime |
Experimente belegen Bedeutung der Frauensprache
Studien und Experimente sowie Beispiele aus der Politik beweisen die Notwendigkeit einer frauengerechten Sprache, die Frauen und ihre Kompetenzen sichtbar macht.
Den wissenschaftlichen Nachweis für die Bedeutung einer frauengerechten
Sprache erbrachten Studien von Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny, Wissenschafterinnen
der Universität Mannheim. Über alle Experimente hinweg zeigte sich, dass
weniger Frauen miteinbezogen wurden, wenn rein männliche Sprachformen
(Sportler) verwendet wurden. Wurde hingegen in der Fragestellung das Binnen-I
(SportlerIn) oder Splitting (Sportler oder Sportlerin) verwendet, nannten
die befragten Frauen und Männer mehr weibliche Personen.
Mehr dazu: http://frauensprache.com/geringer_einbezug.htm
Frauensprache ist politisch
SCHWEIZERINNEN erhielten Wahlrecht nicht, weil sie keine SCHWEIZER waren.
In der Schweiz gab es bei zahlreichen Abstimmungen über die politischen Rechte der Frauen Versuche, das Stimm- und Wahlrecht für Frauen über eine eidgenössische oder kantonale Verfassungsänderung einzuführen. Eine andere Möglichkeit hätte darin bestanden, die Verfassung neu zu interpretieren und den Begriff "Schweizer" ohne Ausnahme auf Männer und Frauen auszudehnen. Doch alle in diese Richtung zielenden Vorstöße scheiterten jedoch am Widerstand der politischen Behörden und des Bundesgerichts, die ein Jahrhundert lang an der historischen Interpretation festhielten, wonach unter dem Wort "Schweizer" in den Verfassungsbestimmungen über die Wahl und Stimmbeteiligung nur Männer zu verstehen seien.
Hier wurden die Frauen also nicht mal "mitgemeint", sondern dezitiert ausgeschlossen. Doch schließlich musste das Schweizer Bundesgericht reagieren:
1990: Appenzell Innerrhoden muss als letzter Kanton das Stimm- und Wahlrecht für Frauen einführen. Das Bundesgericht heisst am 26. November einstimmig eine Beschwerde gut und entscheidet, dass unter die Begriffe "Landleute" und "übrige Schweizer" in der Kantonsverfassung von Appenzell Innerrhoden jetzt auch die Frauen fallen.
Mehr darüber: www.frauenkommission.ch/pdf/d_2_1_politik.pdf
Autorin:
Irmgard Neubauer
Fortsetzung folgt!